Neue Regelwerke und aktualisierte Normen im Bereich Entwässerung und Abwassertechnik reagieren auf die Folgen des Klimawandels
Mit den Normen DIN 1999-100, DIN 1986-100, DWA-A 138-1 und DIN EN 752 wird im Normenmanagement nun auf Auswirkungen extremer Wetterereignisse reagiert.
Die Folgen des Klimawandels werden immer spürbarer, aktuell überfluten immer wieder starke Regenfälle ganze Siedlungen und Regionen in Südeuropa. Aber auch wir sind unmittelbar von den Folgen des Klimawandels betroffen. Allein im letzten Jahr haben Unwetter und Starkregen in Deutschland wiederholt zu Hochwasser und Überschwemmungen geführt. Diese extremen Wetterereignisse stellen neue Anforderungen an das Entwässerungs- und Regenwassermanagement von Gebäuden und Infrastruktur. Neue Lösungen zu Rückstausicherungen, Hebeanlagen, Versickerungsanlagen und Regenentwässerungsanlagen müssen her. Welche Neuerungen es in diesem Bereich gibt und welche Normen davon genau betroffen sind, stellen wir Ihnen im Folgenden detailliert vor.
1. DIN 1999-100 (Dezember 2016)
Abscheideranlagen für Leichtflüssigkeiten – Teil 100: Anwendungsbestimmungen
Diese Norm legt Bestimmungen für die Anwendung von Abscheideranlagen für Leichtflüssigkeiten nach DIN EN 858-1 und DIN EN 858-2 fest. Sie regelt Planung, Einbau, Betrieb und Wartung von Anlagen, die ölhaltiges Abwasser von Gewässern fernhalten. Betreiberpflichten umfassen monatliche Eigenkontrollen, halbjährliche Wartungen durch Sachkundige sowie Generalinspektionen alle 5 Jahre. Besondere Anforderungen gelten für die Überhöhung der Anlagen und Rückstausicherungen zum Schutz vor Leichtflüssigkeitsaustritt.
2. DIN 1986-100 (Dezember 2016)
Entwässerungsanlagen für Gebäude und Grundstücke – Teil 100
Diese Norm gilt für Entwässerungsanlagen zur Ableitung von Abwasser in Gebäuden und auf Grundstücken in Verbindung mit DIN EN 752 und DIN EN 12056. Sie legt technische Bestimmungen für Planung, Bau, Betrieb und Instandhaltung fest und deckt sowohl Schmutzwasser- als auch Regenwasserableitung ab. Die Norm enthält Anforderungen an Bauprodukte, Bemessungsgrundlagen und Dichtheitsprüfungen.
Entwurf der Neufassung 2025
Am 2. Mai 2025 wurde der Entwurf der novellierten DIN 1986-100 veröffentlicht. Dieser Entwurf ist derzeit noch nicht gültig – die bindende Anwendung erfolgt weiterhin nach der Version von Dezember 2016. Nach Auswertung der Einsprüche wird die finale Fassung voraussichtlich Ende 2025 oder Anfang 2026 erscheinen und ersetzt dann die Version von 2016. Planer und Fachleute sollten die Entwicklungen aufmerksam verfolgen, um sich auf die kommende Überarbeitung vorzubereiten, da die Änderungen erhebliche Auswirkungen auf die Praxis haben werden.
Wesentliche Änderungen im Entwurf 2025: Die Novellierung bringt zahlreiche fachliche und strukturelle Neuerungen. (1) Integration der DIN 1986-4: Die bisher eigenständige Norm zu Verwendungsbereichen von Abwasserrohren und -formstücken wurde vollständig als Anhang E übernommen, was die Anwendung vereinfacht. (2) Präzisere Definition der Rückstauebene: Statt der bisherigen pauschalen Gleichsetzung mit der Geländeoberkante wird nun der wirksame öffentliche Entspannungspunkt (in der Regel der nächstgelegene Schacht) zuzüglich einer Überstauhöhe als maßgeblich definiert. Dies ermöglicht eine realitätsnähere Planung, insbesondere bei Hanglage. (3) Neue Regelungen zu Fallleitungsverziehungen: Der Entwurf unterscheidet erstmals zwischen Versprüngen (≤ 1 m Achsversatz, ≤ 45° Richtungsänderung) und Verziehungen (> 1 m oder > 45°). Für Verziehungen gelten verschärfte Anforderungen zur Vermeidung von Überlastungen. (4) Zulassung von Bodenabläufen mit reduzierter Sperrwasserhöhe: Unter definierten Bedingungen sind nun Abläufe nach DIN EN 1253-6, -7 und -8 zulässig, was bodenebene Duschen in der Sanierung erleichtert. (5) Erweiterte Regelungen für Balkone, Loggien und Terrassen: Das generelle Verbot des Anschlusses von Balkonentwässerung an Regenwasserfallleitungen wurde gelockert. (6) Integration der Retentionsdachentwässerung: Erstmals werden Regelungen für Gründächer und Retentionsdächer mit verzögerter Ableitung aufgenommen. (7) Aktualisierung der Bemessungsgrundlagen: Verweis auf die aktuellen KOSTRA-DWD-2020 Niederschlagsdaten des Deutschen Wetterdienstes für präzisere regionale Bemessung.
Vorteile der Neufassung: Die Überarbeitung bringt erhebliche Verbesserungen für die Praxis. Die präzisere Rückstauebenen-Definition reduziert unnötige Sicherheitsaufschläge und ermöglicht wirtschaftlichere Lösungen, während gleichzeitig die Sicherheit durch realistischere Ansätze erhöht wird. Die Integration der DIN 1986-4 als Anhang vereinfacht die tägliche Arbeit, da nicht mehr zwischen mehreren Normen gewechselt werden muss. Die neuen Regelungen zu Bodenabläufen mit reduzierter Sperrwasserhöhe lösen ein seit Jahren bestehendes Problem in der Badsanierung und schaffen endlich normative Klarheit für etablierte Produktlösungen. Die Berücksichtigung aktueller Klimadaten (KOSTRA-DWD-2020) stellt sicher, dass Entwässerungsanlagen auch zukünftigen Starkregenereignissen gewachsen sind. Insgesamt trägt die Norm zur Optimierung von Entwässerungssystemen bei durch: verbesserten Überflutungsschutz bei Starkregen, wirtschaftlichere Planung durch realitätsnähere Bemessungsansätze, erhöhte Rechtssicherheit durch präzisere Festlegungen sowie bessere Anpassung an moderne Bauweisen und Sanierungsanforderungen.
3. DWA-A 138-1 (Oktober 2024) – Aktuelle Neufassung
Anlagen zur Versickerung von Niederschlagswasser – Teil 1: Planung, Bau, Betrieb
Das im Oktober 2024 von der Deutschen Vereinigung für Wasserwirtschaft, Abwasser und Abfall e.V. (DWA) veröffentlichte Arbeitsblatt DWA-A 138-1 ersetzt die bisherige Fassung von April 2005 und stellt eine grundlegende Überarbeitung dar. Das Arbeitsblatt behandelt die gezielte Versickerung von Niederschlagswasser aus befestigten und bebauten Flächen in das Boden-Grundwasser-System innerhalb von Siedlungsgebieten. Die Neufassung reagiert auf die zunehmenden Herausforderungen durch Klimawandel, Starkregenereignisse und Hitzewellen. Zentrale Änderungen umfassen: (1) Präzisere Anforderungen an die Bodenuntersuchung durch Einführung der bemessungsrelevanten Infiltrationsrate ki anstelle des einfachen kf-Wertes sowie Berücksichtigung von Sicherheitsfaktoren und der Verlässlichkeit der Untersuchung. (2) Strengere Vorgaben zum Grundwasserschutz, insbesondere bei Versickerung von Niederschlagswasser von schadstoffbelasteten Flächen wie Stellplätzen oder Straßen – hier sind nun umfassendere Vorbehandlungsmaßnahmen durch Filterung oder Sedimentation erforderlich. (3) Qualitative Bewertung der Niederschlagsabflüsse in drei Kategorien (tolerierbar, bedingt tolerierbar, nicht tolerierbar) als Grundlage für erforderliche Vorbehandlungsmaßnahmen. (4) Anpassung an die Fortschreibung verwandter DWA-Arbeitsblätter sowie an die europäische Normung und aktuelle gesetzliche Vorgaben. Das Arbeitsblatt fördert die wasserbewusste Siedlungsentwicklung, die den natürlichen Wasserhaushalt berücksichtigt und Niederschlagswasser bevorzugt dezentral vor Ort versickert und verdunstet. Wichtig für die Praxis: Einige Behörden gewähren Übergangsfristen bis 30. Juni 2025 für Planungen nach der alten Fassung; ab 1. Juli 2025 sind ausschließlich Einreichungen nach der neuen DWA-A 138-1 zulässig.
4. DIN EN 752 (Juli 2017)
Entwässerungssysteme außerhalb von Gebäuden
Diese europäische Norm legt Ziele für Entwässerungssysteme außerhalb von Gebäuden fest sowie Funktionsanforderungen, Strategien und Vorgehensweisen für Planung, Bemessung, Bau, Betrieb, Unterhalt und Sanierung. Sie gilt für Freispiegelsysteme vom Punkt, an dem Abwasser das Gebäude verlässt oder in Straßenabläufe fließt, bis zur Einleitung in Kläranlagen oder Vorfluter. Die Norm bildet den Rahmen für das integrale Siedlungsentwässerungsmanagement und ist abgestimmt auf die EU-Wasserrahmenrichtlinie (2000/60/EG) und die EU-Hochwasserrahmenrichtlinie (2007/60/EG).
Handlungsempfehlungen für die Praxis
Für Leichtflüssigkeitsabscheider: Strikte Einhaltung der Betreiberpflichten nach DIN 1999-100 (monatliche Eigenkontrollen, halbjährliche Wartungen, 5-jährige Generalinspektionen). Besondere Aufmerksamkeit bei Überhöhung und Rückstausicherung.
Für Gebäudeentwässerung: Aktuelle Planungen nach DIN 1986-100:2016-12. Die Entwicklung der novellierten Fassung (Entwurf Juni 2025) beobachten. Bereits jetzt empfiehlt sich die Verwendung der KOSTRA-DWD-2020 Niederschlagsdaten.
Für Versickerungsanlagen: Neue Planungen ab 1. Juli 2025 zwingend nach DWA-A 138-1 (Oktober 2024). Strengere Anforderungen an Bodenuntersuchung (ki-Wert statt kf-Wert) und Grundwasserschutz beachten. Schulungen zur neuen Fassung dringend empfohlen.
Für öffentliche Entwässerungssysteme: Anwendung der DIN EN 752:2017-07 mit Implementierung des integralen Siedlungsentwässerungsmanagements unter Berücksichtigung der EU-Richtlinien.
Quellen:
[1]https://www.dinmedia.de/de/norm/din-1999-100/264019256
(12/02/2026)
[2]https://www.baunormenlexikon.de/norm/din-1986-100/e9ee17a0-7205-4112-93c4-c33e6069db5d
(12/02/2026)
[3]https://www.dinmedia.de/de/norm-entwurf/din-1986-100/391105465
(12/02/2026)
[4]https://de.dwa.de/de/regelwerk-news-volltext/arbeitsblatt-dwa-a-138-1-anlagen-zur-versickerung-von-niederschlagswasser-teil-1-planung-bau-betrieb.html
(12/02/2026)
[6]https://dx.doi.org/10.31030/2584355
(12/02/2026)
[7]https://www.baunormenlexikon.de/norm/din-1986-3/8cc11876-8024-4abe-bc21-f800cdad28a6
(12/02/2026)
[8] Gütegemeinschaft Entwässerungstechnik e.V. (GET). „Betreiberpflichten bei Abscheideranlagen für Leichtflüssigkeiten“. Diez, 2024.
https://get-guete.de
(12/02/2026)
[9] Forum Verlag online: https://shop.forum-verlag.com/p/grundstuecksentwaesserung-und-starkregenvorsorge/SW5553582?wa=25987-1&vem=&adid=746797CA-D399-4E25-9BD8-EB1A57C7B4AD&utm_source=Newsletter&utm_medium=email&utm_content=Headline&utm_campaign=25987-1
(15/02/2026)
